Über Sokrates

Über Sokrates – Sokrates in Berlin – Dr. phil. Michael Gutmann, Berlin

Wer war Sokrates?

Auf diese scheinbar einfache Frage gibt es keine ganz einfache Antwort. Sokrates selbst hat nichts geschrieben. Was wir über ihn wissen, erfahren wir vor allem durch andere, insbesondere durch Platon, aber auch durch Xenophon und Aristophanes. Schon deshalb begegnen wir keinem Sokrates (Link zu WIKIPEDIA), den wir wie einen modernen Autor einfach aus seinen eigenen Büchern kennenlernen könnten.

Und doch gehört dieser Mann, der im 5. Jahrhundert vor Christus durch Athen ging, Gespräche führte und Fragen stellte, zu den wirkmächtigsten Gestalten der europäischen Geistesgeschichte.

Vielleicht gerade deshalb, weil er keine Lehre hinterließ, die man lediglich auswendig lernen müsste.

Sokrates fragte

Er sprach mit Politikern, Dichtern, Handwerkern, jungen Menschen und angesehenen Bürgern. Er fragte nach Tapferkeit und Gerechtigkeit, nach Tugend, Wissen, Freundschaft und dem guten Leben. Vor allem aber nahm er Antworten nicht einfach hin, nur weil sie zunächst plausibel klangen.

Was meinst Du damit?

Woher weißt Du das?

Gilt Deine Aussage wirklich in jedem Fall?

Folgt aus Deinen eigenen Voraussetzungen vielleicht etwas anderes, als Du behauptest?

Solche Fragen erscheinen uns heute unspektakulär. Doch in ihnen liegt eine geistige Revolution.

Denn Sokrates verlagerte die Frage nach Wahrheit nicht einfach in die Autorität eines Lehrers. Auch seine eigene Person sollte nicht die letzte Instanz sein. Entscheidend wurde vielmehr das Gespräch, in dem Aussagen geprüft werden konnten.

Die Prüfung der Gedanken

Nicht der Rang eines Menschen entscheidet darüber, ob sein Gedanke wahr ist.

Der Gedanke muss sich selbst bewähren.

Darin liegt für mich eine der großen sokratischen Entdeckungen.

Sokrates war allerdings kein Skeptiker in dem Sinne, dass ohnehin nichts gewusst werden könne und jede Meinung deshalb ebenso gut sei wie jede andere. Sein berühmtes Nichtwissen bedeutet etwas Anspruchsvolleres. Wer erkennt, dass er etwas nicht weiß, hat bereits einen wichtigen Unterschied gewonnen: den Unterschied zwischen Wissen und bloßer Überzeugung.

Diese Einsicht kann unangenehm sein. Sie nimmt uns die Sicherheit, die aus ungeprüften Gewissheiten entsteht. Doch sie macht Erkenntnis überhaupt erst möglich.

Der sokratische Aufstieg

Solange ich glaube, bereits zu wissen, muss ich nicht mehr fragen.

Erst wenn eine vermeintliche Gewissheit fragwürdig wird, beginnt die Suche.

Deshalb empfinde ich die sokratische Frage nicht als Schwäche. Sie ist eine Form geistiger Stärke. Sie erlaubt dem Menschen, den eigenen Irrtum nicht nur als Niederlage zu betrachten, sondern als Möglichkeit einer Korrektur.

Bei Platon führt diese Bewegung des Fragens noch weiter. Hinter vielen einzelnen Fragen steht schließlich eine größere: die Frage nach dem Guten.

Was ist ein gutes Leben?

Was ist eine gute Entscheidung?

Was macht eine gerechte Ordnung aus?

Was sollte der Mensch wollen?

Mit solchen Fragen wird Philosophie mehr als eine Technik des Argumentierens. Sie wird zu einer Prüfung der eigenen Lebensführung.

Auch deshalb ist Sokrates für diesen Blog von Bedeutung.

Sokrates in Berlin soll kein historischer Sokrates-Blog sein. Hier werden nicht ausschließlich antike Texte ausgelegt, und es soll auch kein Versuch unternommen werden, jede Gegenwartsfrage mit einem Satz Platons zu beantworten.

Sokrates bezeichnet vielmehr die Perspektive, aus der hier gedacht wird.

Die sokratische Haltung

Sie beginnt mit der Bereitschaft, Begriffe ernst zu nehmen. Wenn wir von Freiheit sprechen, sollten wir fragen können, was wir mit Freiheit meinen. Wenn wir von Gerechtigkeit sprechen, müssen wir unterscheiden lernen, ob wir Gerechtigkeit oder lediglich unseren eigenen Vorteil bezeichnen. Wenn von Demokratie, Bildung, Wahrheit, Vernunft, Identität oder Verantwortung die Rede ist, genügt es nicht, vertraute Wörter zu verwenden. Wir müssen versuchen zu verstehen, was sie bedeuten.

Unsere Zeit leidet kaum unter einem Mangel an Worten.

Ganz sicher aber unter einem Mangel an deren Prüfung.

Sokratisches Denken bedeutet deshalb für mich auch Widerstand gegen begriffliche Verwahrlosung, gegen vorschnelle Gewissheit und gegen jene merkwürdige Sicherheit, die entsteht, wenn eine Behauptung nur oft genug wiederholt wird.

Doch dieser Widerstand richtet sich nicht gegen Menschen.

Es geht nicht darum, jemanden im Gespräch zu besiegen. Ein sokratisches Gespräch ist kein rhetorischer Ringkampf. Sein eigentlicher Gegenstand ist der Gedanke selbst. Beide Gesprächspartner können gewinnen, wenn ein schlechter Gedanke erkannt und ein besserer gefunden wird.

In diesem Sinne ist Sokratik ihrem Wesen nach konstruktiv.

Sokrates‘ Konstruktivität

Sie kann heilend wirken, weil Klarheit verwirrende Gedanken ordnet. Sie kann bildend wirken, weil der Mensch lernen kann, sein eigenes Denken zu prüfen. Und sie kann kreativ schöpferisch werden, wenn aus der Kritik bessere Begriffe, bessere Entscheidungen und vielleicht sogar bessere Formen unseres Zusammenlebens entstehen.

Dieser Gedanke verbindet Sokrates mit dem Projekt, das ich NEUE VERNUNFT nenne.

Dabei verstehe ich Vernunft nicht als eine Sammlung fertiger Wahrheiten. Vernunft zeigt sich vielmehr in einer Tätigkeit: im Prüfen, Unterscheiden, Begründen, Verwerfen und erneuten Fragen. Ihr Gegenstück ist nicht das Gefühl, sondern die Gedankenlosigkeit; nicht die Empfindung, sondern der Verzicht darauf, unsere Überzeugungen einer Prüfung auszusetzen.

Sokrates wusste, dass ein Mensch irren kann.

Gerade deshalb vertraute er auf das Gespräch.

Vielleicht liegt darin seine eigentliche Modernität.

Denn auch zweieinhalbtausend Jahre später stehen wir noch immer vor derselben Aufgabe: zwischen Meinung und Wissen zu unterscheiden, zwischen Behauptung und Begründung, zwischen dem, was uns angenehm erscheint, und dem, was tatsächlich gut sein könnte.

Der historische Sokrates lebte in Athen.

Dieser Blog entsteht in Berlin.

Die Fragen sind geblieben.



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