Dieser Blog ist ein Freiraum!
Ein Ort für Gedanken, Beobachtungen, Fragen und gelegentlich auch für Widerspruch. Ein Ort, an dem ich schreiben kann über das, was mich beschäftigt, was mich begeistert, was mich zweifeln lässt oder was mir so fragwürdig erscheint, dass ich nicht einfach darüber hinweggehen möchte.
Der Name dieses Blogs lautet Sokrates in Berlin. Das ist selbstverständlich nicht so gemeint, als ließe sich der Athener Sokrates kurzerhand nach Berlin versetzen oder als nähme ich für mich in Anspruch, Sokrates zu sein. Der Name bezeichnet vielmehr eine Haltung. Er erinnert daran, dass Denken mit Fragen beginnt, dass wir unsere Überzeugungen prüfen dürfen und dass es keineswegs genügt, etwas nur deshalb für wahr zu halten, weil wir es lange geglaubt haben, weil viele andere es glauben oder weil es gerade gern und häufig behauptet wird.
Die sokratische Haltung
Mich interessiert das Nachdenken dort, wo es lebendig wird: mitten im Leben, mitten in Berlin, mitten in unserer Zeit.
Deshalb kann hier vieles zur Sprache kommen. Philosophie und Politik, Bildung und Psychologie, Technik und Wissenschaft, Geschichte und Gegenwart, Sprache, Kunst, Musik und Literatur ebenso wie eine Begegnung auf der Straße, ein Satz in einer Zeitung, eine politische Rede, eine Modeerscheinung oder eine Beobachtung, die zunächst vollkommen unbedeutend erscheinen mag und sich bei näherem Hinsehen doch als bemerkenswert erweist.
Nicht jedes Thema verlangt eine Abhandlung. Manchmal genügt eine Frage. Manchmal führt eine kleine Wahrnehmung sehr weit. Und manchmal erweist sich eine vermeintlich große Gewissheit nach einigen einfachen Fragen als erstaunlich klein.
Kein Ort vorschneller Empörung
Dieser Blog soll deshalb kein Ort der schnellen Empörung sein. Kritik interessiert mich, aber sie interessiert mich nur dann wirklich, wenn sie etwas klärt. Das bloße Dagegensein ist noch kein Denken. Auch Spott, moralische Entrüstung oder die Sicherheit, ohnehin auf der richtigen Seite zu stehen, ersetzen keine Prüfung.
Sokratisches Denken beginnt für mich an einer anderen Stelle. Es beginnt damit, genauer hinzusehen. Was wird eigentlich behauptet? Was bedeutet der verwendete Begriff? Welche Voraussetzungen liegen der Behauptung zugrunde? Welche Gründe sprechen für sie und welche dagegen? Was folgt daraus, wenn wir sie ernst nehmen? Und woran könnten wir überhaupt erkennen, dass unser Urteil richtig ist?
Solche Fragen mögen manchmal umständlich erscheinen. Doch wo etwas für unser Leben, unsere Gesellschaft oder unsere Entscheidungen von Bedeutung ist, kann Genauigkeit kaum Zeitverschwendung sein.
Die NEUE VERNUNFT
Damit berührt dieser Blog auch das Projekt der NEUEN VERNUNFT. Unter Vernunft verstehe ich dabei nicht eine kalte Rechenmaschine des Geistes und schon gar nicht die Herrschaft abstrakter oder rein wirtschaftlicher Rationalität über das menschliche Leben. Vernünftiges Denken beginnt vielmehr dort, wo wir bereit werden, für unser Urteil Rechenschaft abzulegen. Nicht: „Ich empfinde es eben so.“ Nicht: „Für mich ist das eben wahr.“ Sondern die weiterführende Frage: Warum denke ich das?
Unsere Erfahrungen, Wahrnehmungen, Empfindungen und Intuitionen dürfen, ja müssen sogar dabei selbstverständlich mitsprechen. Sie gehören zum menschlichen Leben. Doch aus einem Eindruck wird noch keine Erkenntnis und aus einem starken Gefühl noch kein wahrer Satz. Erst im prüfenden Denken können wir versuchen zu unterscheiden, was uns lediglich bewegt und was Bestand haben könnte.
Die befreiende Kunst der Vernunft
Darin liegt für mich etwas ausgesprochen Befreiendes. Vernunft bedeutet nicht, alles bereits wissen zu müssen. Im Gegenteil. Sokrates hat uns eine weit wertvollere Möglichkeit gezeigt: das eigene Nichtwissen wahrzunehmen, ohne deshalb auf das Denken zu verzichten.
Vielleicht ist dies heute wichtiger denn je.
Wir leben in einer Zeit ungeheurer Informationsfülle und zugleich erstaunlicher begrifflicher Verwirrung. Jeder kann nahezu augenblicklich eine beliebige Meinung äußern, verbreiten und bestätigen lassen. Umso notwendiger scheint mir die ältere Kunst, einen Gedanken erst einmal anzusehen, bevor man ihn weiterträgt.
Sokrates in Berlin soll ein Ort für diese Kunst sein.
Ein Ort konstruktiver Kunst
Allerdings soll dieser Blog nicht nur prüfen. Er soll auch entdecken. Vernunft erschöpft sich nicht darin, Irrtümer aufzuspüren. Sie kann ordnen, unterscheiden, Zusammenhänge sichtbar machen und Möglichkeiten eröffnen. Kritik ist dort am wertvollsten, wo sie nicht bloß niederreißt, sondern den Blick dafür freimacht, wie etwas besser gedacht, gesagt oder gestaltet werden könnte.
Deshalb möchte ich hier auch über das Schöne schreiben, über gelungene Gedanken, über Bücher und Musik, über Menschen, Ideen und Werke, die etwas sichtbar machen, das zuvor verborgen blieb. Philosophisches Denken darf Freude bereiten. Vielleicht muss es das sogar, wenn wir es nicht in eine bloße Disziplin des Korrigierens verwandeln wollen. Und Sokrates vertrat schließlich auch, ein ungeprüftes Leben sei ein vertanes Leben.
Eine offene Werkstatt
Dieser Blog ist deshalb weder Lehrbuch noch Nachrichtenportal noch philosophisches System. Er ist eine Werkstatt des Denkens und Schreibens. Manche Gedanken werden abgeschlossen erscheinen, andere vorläufig bleiben. Einige Texte mögen später auf anderen Seiten, im Kultursalon oder in größeren Zusammenhängen weitergeführt werden. Andere werden genau hier ihren Ort behalten.
Was die einzelnen Texte des Blogs miteinander verbinden soll, ist eine Haltung: die Bereitschaft, genauer zu fragen, als es die erste Antwort erlaubt.
Und vielleicht auch die alte sokratische Hoffnung, dass ein Mensch, der seine Gedanken prüft, nicht nur besser denkt.
Sondern schließlich auch bewusster lebt.

